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Hauptversammlung 2003: Zwischen Cyber-HV und Aktionärsbuffet

Neue Studie: Hauptversammlungen im Internet - ein Test unter den DAX-Unternehmen

Stuttgart, 22.10.2003. Die Hauptversammlungssaison 2003 ist (fast) zu Ende. Auch in diesem Jahr hat sich der Trend fortgesetzt, dass immer weniger Aktionäre persönlich an der Hauptversammlung teilnehmen. Während dies für die einen problematisch ist, weil dadurch die Gefahr von Zufallsmehrheiten besteht (Deutsches Aktieninstitut) oder weil man einen Bedeutungsverlust eines wichtigen Forums für kritische Auseinandersetzung befürchtet (Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz), halten andere Hauptversammlungen - zumindest in der heutigen Form - für "historisch überholt und wenig effizient" (so Rolf Breuer, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank). Mehr und mehr rückt dabei die Frage in den Vordergrund, ob es nicht besser wäre, die Präsenz-Hauptversammlung grundsätzlich durch eine rein virtuelle Hauptversammlung zu ersetzen. Im Rahmen einer - im deutschsprachigen Raum - erstmaligen empirischen Untersuchung hat die Stuttgarter Unternehmensberatung dr. šonje webconsult untersucht, wie konsequent deutsche Spitzenunternehmen das Internet im Rahmen einer Hauptversammlung nutzen und wie weit sie den Weg hin zu einer Cyber-Hauptversammlung bereits beschritten haben.

Grundlage der Studie ist ein standardisierter Test, bei dem die Online-Angebote der DAX-Unternehmen zur Hauptversammlung 2003 anhand von ca. 50 formalen und inhaltlichen Kriterien analysiert wurden. Alle Angebote wurden zu drei Zeitpunkten untersucht: zwei Wochen vor der Hauptversammlung, am Tag der HV und nochmals zwei Wochen danach. Die einzelnen Merkmale wurden zu vier Indizes zusammengefasst.

Der Index Basisinformationen beinhaltet grundlegende Informationen rund um das Unternehmen und die Aktie. Im Index Zusatzdienste sind Informationen und Serviceleistungen zusammengefasst, die sich vor allem an Aktionäre richten, die nicht persönlich an der Hauptversammlung teilnehmen können oder wollen, gleichzeitig aber an einer Teilhabe interessiert sind. Im Gegensatz dazu beschreibt der Index Service vorrangig Angebote, die sich an Aktionäre wenden, die entschlossen sind, an der Hauptversammlung auch tatsächlich persönlich teilzunehmen. Im Index Navigationshilfe finden sich schließlich diejenigen Merkmale, die sich auf die unmittelbare Unterstützung der Navigation und damit der Nutzung des jeweiligen Online-Angebotes beziehen.

Betrachtet man die Ergebnisse im Überblick, so ergibt sich das folgende Bild. Etwa die Hälfte der untersuchten Unternehmen bietet "ihren" Aktionären zur Hauptversammlung ein insgesamt umfassendes und qualitativ anspruchsvolles Online-Angebot an. Hierzu zählen die Angebote der Deutschen Post, Deutschen Bank, Allianz oder der Münchener Rück. Diese Unternehmen erfüllen sowohl im Hinblick auf Basisinformationen als auch auf Zusatzdienste bzw. Service und Navigationshilfe viele der gestellten Anforderungen. Auffällig ist dabei, dass diese Unternehmen ihren Aktionären nicht nur ein umfassendes Informations- und Servicepaket anbieten, sondern sich auch um eine mediengerechte Umsetzung bemühen.

Im deutlichen Gegensatz dazu stehen Unternehmensangebote, bei denen nicht nur der Informations- bzw. Serviceumfang, sondern auch die mediengerechte Umsetzung deutlich unterhalb der Standards liegen, die durch die meisten anderen DAX-Unternehmen gesetzt wurden. Unproblematisch ist dies bei Informations- und/oder Serviceangeboten, die letztlich "nur" Beiwerk sind und in erster Linie der Profilierung der einzelnen Unternehmen dienen. Kritisch sind derartige Defizite jedoch vor allem dann, wenn sie im Bereich der Basisinformationen auftreten. Namhafte Gesellschaften wie MLP, Altana, HypoVereinsbank, Schering, Henkel oder die BMW Group erreichen selbst beim Index Basisinformationen nicht mal die Hälfte der insgesamt zu erreichenden Punkte.

Der Leiter der Studie, Dr. Deziderio Šonje, weist vor allem auf Defizite bei der mediengerechten Umsetzung hin. "Unsere Ergebnisse zeigen ganz eindeutig, dass ein Teil der Unternehmen ihr "Online"-Angebot in erster Linie als einen reinen "Dokumentenverwaltungsservice" missverstehen. Die Aktionäre werden im schlimmsten Fall mit einer Flut an Ausdrucken eindeckt. Bei etwa der Hälfte der untersuchten Internet-Angebote handelt es sich daher faktisch eher um Offline-, als um Online-Angebote". Nach Meinung von Dr. Šonje können "mit derartigen Internet-Angeboten weder die Teilnahmebereitschaft an der Präsenz-Hauptversammlung noch die Akzeptanzbereitschaft für eine virtuelle Hauptversammlung verbessert werden."

Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass der Weg zu einer virtuellen Hauptversammlung noch sehr weit ist. Selbst Unternehmen, die bereits heute innovative Dienste, wie etwa Internet-Proxy-Voting anbieten, nutzen Internet-Techniken, die in anderen Branchen bereits zum Standard der Internet-Kommunikation gehören, nur ansatzweise. Es ist daher eher unwahrscheinlich, dass sich die Vision einer virtuellen Hauptversammlung in absehbarer Zeit durchsetzen wird. Entscheidend wird dabei auch sein, ob neben organisatorischen und technischen Aspekten, wie die technische Stabilität der Soft- und Hardware und deren Nutzungstauglichkeit, auch aktionärsrechtliche und kommunikationswissenschaftliche Gesichtspunkte berücksichtigt werden.

"Die Akzeptanzbereitschaft der Aktionäre an einer virtuellen Hauptversammlung teilzunehmen, wird entscheidend davon bestimmt werden, ob deren faktische Umsetzung mit einer Reduzierung ihrer gegenwärtigen Aktionärsrechte einher geht oder ob sie dazu genutzt wird, die Partizipationsmöglichkeiten auszuweiten. Ohne entsprechende Techniken, die etwa das Auskunfts-, Rede- und Antragsrecht der Aktionäre unterstützen, wird deren Akzeptanz- und Adoptionsbereitschaft nicht spürbar steigen" so Dr. Šonje. Davon sind jedoch auch die gegenwärtig besten und innovativsten Online-Angebote noch deutlich entfernt.



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